Samstag, 28. März 2026

Alfreds Vortrag

Beim SF-Stammtisch ging's gestern wieder einmal hoch her, denn Gäste aus Deutschland bereicherten die Runde - u.a. Birgit Fischer, die mit Anhang per Zug anreiste - und stockten die üblichen 10 bis 15 Leute auf zirka 30 laut plappernde SF-Fans auf. Alle warteten gespannt auf Alfreds Vortrag über das Wiener Fandom. Wir bezeichnen ihn als Urgestein, da er schon 1955 im zarten Alten von 10 Jahren vom Science-Fiction-Virus infiziert wurde, doch eigentlich gebührt dieser Titel seinem Freund Axel Melhardt, dem Gründervater der SFGW (Science-Fictiongruppe Wien).

Alfreds Mutter spendierte ihrem utopiebegeisterten Sohn die 1. Heftserie vom UTOPIA-Verlag (nachdem der Rauch-Verlag Pleite gemacht hatte) sowie viele Hefte vom URANIUS-Verlag, ja sogar den Mitgliedsbeitrag, denn mit 12 Jahren trat unser Hyperfan Alfred ins FANDOM ein. Zum Beweis zeigte er seine zahlreichen Mitgliedsausweise - damals gab's in Wien sogar noch 3 Science-Fiction-Clubs (einer davon nannte sich ab 1960 AUSTROPIA, ein Lokal befand sich übrigens in der Dapontegasse, 1030 Wien) - mittels Beamer, sowie auch zahlreiche Fotos (oft von Robert Christ geschossen) von noch jungen Science-Fiction-Fans. Dazu gab's ein Foto-Ratequiz, denn die vorwiegend männlichen Clubmitglieder sind mittlerweile etwas in die Breite gegangen und weisen auch eine leicht veränderte Physiognomie auf, zum Teil mit Bärten. Alfred wollte jüngeren Anwesenden die Chance auf ein Erfolgserlebnis geben und gebot den 'alten Scheißern über 50' die Pappen zu halten. Den schwarz-weiß-Fotos der Jungen clickte er dann die Farbfotos der Gereiften zu. Manche haben sich gut gehalten.

Zurück zu Alfreds Jugend: Er durfte mit 15 Jahren zu seinem ersten SF-Club-Treffen, aber laut seiner strengen Mutter nur mit Krawatte, (während Helmuth W. Mommers Rollkragenpulli trug). Zuerst wurde er Schriftführer und ging eine langjährige Fan-Freundschaft mit Fritz Bachtrögler ein, dessen Sohn er auch zu seinem 80er zum Geburtstagsessen eingeladen hat. Seit 1972 - also 54 Jahre - frönt er seinem Hobby mit Leib & Seele, daher blieb er ein ewig junger Methusalem. Er konnte sowohl seine 1. Frau Anne als auch seine 2. Frau Gerti für das Science-Fiction-Faible begeistern und kann sich rühmen, die größte FANZINE-Sammlung der 50er & 60er-Jahre im Keller seines Hauses zu beherbergen in welchem er auch den Chefredakteur von Vulkan Spirit empfing. 

https://vulkanspiritnews.substack.com/p/episode-76?utm_source=podcast-email&publication_id=2790112&post_id=193050258&utm_campaign=email-play-on-substack&utm_content=watch_now_button&r=6d9x8g&triedRedirect=true&utm_medium=email 

Zudem lernte er zahlreiche verlässliche Freunde kennen, wie z.B. Walter Ernsting (Clark Darlton), Ernst Vlcek, Dr. Franz Rottensteiner, Franz Ettl, Hans Langsteiner, Helmut Magnana, Robert Christ, Helmuth W. Mommers, Edi Lukschandl, Andreas Reinisch, Paul Swoboda, Gerhard Schneider, Christian Pree, Joachim Angerer, Bestsellerautor Viktor Farkas (letzterer und einige davor sind uns schon in die Ewigkeit vorausgegangen), noch viele andere mehr - auch etliche weibliche Fans, wie z.B. unsere liebe Pony, Nina, Vera, Lygia, Verena, Ellen, Susanne, Sabine, Goschka, Michaela und zuletzt Neuzugang Franzi. Persönlich traf er in seiner Eigenschaft als treibende Kraft der SFGW sogar Berühmtheiten wie Erich von Däniken sowie Arthur C. Clarke - ebenfalls mittels Fotos bewiesen und in einem Buch über das österreichische Fandom, das allerdings schon vergriffen ist, dokumentiert. Man konnte bei Alfreds lebhaften Vortrag deutlich das Brennen für Science-Fiction spüren, den Schalk in seinen Augen sehen und von seinem Esprit profitieren. Danke, lieber Alfred, für Deine nimmermüde Bereitschaft, diesem manchmal sträflich unterschätztem Genre seinen Tribut zu zollen!

PS: Das wunderbare Foto stammt von Chris Haderer, der ebenfalls unsere illustre Runde bereicherte. 
 

Donnerstag, 26. März 2026

Versteigerung

 Aus den Reisetagebüchern meiner verstorbenen Freundin Brigitte

8.8. Erwachen um 9 Uhr auf dem Public Parkplatz von Winnipeg, einer gemütlichen, etwas verschlafenen Stadt mit ein paar historischen Bauten & Parks, auf die man recht stolz ist. Gehen zum Hudson Bay einkaufen, ich kaufe mir Jeans um 13 $ + eine Pelzjacke um 30 $. Im Coffey Shop setzt sich ein Deutscher zu uns, der seit 22 Jahren hier wohnt. Er plaudert naiv drauflos, habe vor 6 Jahren seinen Job in einer Bäckerei gekündigt, wo er 10 $/Stunde verdiente, hat seine 3 Häuser verkauft und bekommt nun 1.000 $/Monat Hypotheken, er vergleicht die Preise von hier mit Deutschland, außerdem sind die Leute hier alle freundlicher, drüben wäre man so rüde & böse, das entrüstet ihn.  Er lädt uns ein zu einer Versteigerung, zu der er jede Woche gehe und Dinge billig einkauft und über die Zeitung wieder verkaufe. 
  Man versteigert die unmöglichsten Sachen: von nicht funktionierenden Radiouhren, Waschmaschinen aus dem Jahre Schnee um 3 $ über alte Betten, Sofas, Spiegel, Besen, Teppiche, Bücher & Platten bis zu kitschigen Nippesfiguren - alles Ramsch! Er kaufte ein Sofa um 77 $, eine Uhr um 3 $, ein Drahtgestell um 2 $, einen Polstersessel um 7 $ und ein Tischchen um 11 $. Versammelt ist die senile Brigade der Stadt, zahnlos, haarlos, hinkend & stammelnd und jeder wäre steinreich, erzählt uns Günther. Die eine habe 150 Appartements, der andere, ein 80jähriger Greis, habe 1 Million beim Spielen verloren und wir beobachten eine aparte Dame mit Strohhut, gefühlte 79, die unaufhörlich ihren linken Fuß näher an ein 25-Cent-Stück schiebt und ihn schließlich draufstellt, um es am Ende der Versteigerung endlich unauffällig aufzuheben. Sie war so beschäftigt damit, die 25 Cent nicht zu verlieren, aber auch nicht die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich zu lenken, dass sie von der ganzen Versteigerung nichts mehr mitbekam. Wir hatten genug nach 2 Stunden und verabschiedeten uns. Fuhren essen und weiter zum Zoo, wo man auch einen englischen Garten hat, ein Tropenhaus usw. Am Abend fuhren wir zurück in die Stadt, Freitag ist etwas mehr los. Die Hauptstraßen sind beleuchtet, viel Verkehr, Coffey Shops, allgegenwärtige Mc Donalds, wenige Bars & einige Restaurants im French Quarter.
  9.8. Schliefen auf dem Parkplatz von gestern und fuhren dann zum Old Market Square, wo ein greasy pig race stattfindet. Buden sind aufgestellt mit Würste verkaufenden Ungarn & Spielzeug verkaufenden Ukrainern. Dann brachte man Schweinchen, fettete sie ein und ließ sie auf den abgezäunten Rasenplatz frei. Der 1. Bursche, der ein Schwein über die Ziellinie trägt, bekommt eine Wochenendreise auf einer Yacht, 2. + 3. Preis sind Tickets für Abendessen & Lunch in einem feinen Hotel. Es war recht spaßig. Dann führten Ukrainer in ihrer Tracht Tänze auf. Man will, dass an einem Tag/Jahr jeder seine Tracht trägt, um das Vielvölkertum herauszustreichen. Wir machen Fotos und fahren 9 Meilen zu einem Rastplatz, wo wir übernachten.

Samstag, 21. März 2026

Der gruselige Informant

  
 "Sex and Crime, Jericho, sowas interessiert die Leute!"
 "Ganz was Neues. Soll ich jetzt eine nymphomane Mörderin auftreiben?"
Durch ein offenes Fenster wirbelten die Herolde des Herbstes - bunt gefärbte Blätter - herein und erweckten den Wunsch einer Reise nach Vermont.
 "Wir brauchen eine Hammer-Story, die unsere Auflage steigert, Jericho", raunte ihm der Chefredakteur über die Schulter zu, während er das Fenster schloss. "Die alte Sensationsstory vom Mann, der einen Hund beißt, können Sie vergessen, Jericho! Jetzt muss mindestens ein Außerirdischer her, der Sie in den Arsch beißt!"
 "Also wirklich, das können Sie weder von mir noch von meinem Sitzfleisch verlangen!"
Riasek ließ sich wie ein nasser Sack auf seinen Drehstuhl plumpsen und lockerte seine getupfte Krawatte. Beiläufig streifte sein Blick den Playboy Wandkalender vom Vorjahr - Miss Dezember gefiel ihm so sehr, dass er noch keinen Tausch vorgenommen hatte. "Eine weitere heiße Sache - außer Sex und Mord - ist Esoterik."
 "Jaja, Placebo fürs Volk." Jonas stand wie ein armer Sünder vor ihm, der vergeblich auf Erbarmen hoffte.
 "Diese esoterischen Umtriebe, von denen unsere Konkurrenz berichtet hat, sollen angeblich der Realität entsprechen. Reicht zurück bis zu dem Mord, den dieser Plensberg am Kerbholz hat. Fahren Sie mal zur JVA und interviewen Sie den Häfenbruder!" 
"Och, haben Sie nix anderes für mich, Chef, als ein Tete-a-Tete mit einem Zuchthauszebra?"
 "Um das Leben zu managen, müssen wir uns alle disziplinieren und mitunter etwas gegen unsern Willen tun, Jericho!" Aus der mittleren Schublade seines vollgeräumten Schreibtisches holte Riasek einen zerknüllten Käsezettel heraus, auf dem in seiner Apothekerschrift Name, Adresse und sogar die Gefangenennummer gekritzelt standen. "Ich erwarte Ihren spannenden Artikel spätestens zu Redaktionsschluss."
Der Tipp an Jonas, den einsitzenden Ex-Journalisten, der laut seiner Verteidigung einen Mord auf Befehl der Geisterwelt begangen hatte, im Gefängnis zu besuchen, zeigte sich in der Umsetzung etwas schwierig. Zuerst musste er die Hürde des Amtsweges inkauf nehmen, welcher über den Direktor des ehrwürdigen Hauses Stein an der Donau - einer einzigen Architekturscheußlichkeit -  führte. Dieser oberlehrerhaft agierende Mann unterzog ihn in seiner stickigen Amtsstube einer eingehenden Befragung, was er seinen ehemaligen Kollegen eigentlich fragen wollte.
  "Tja", begann Jonas in seinem hellblauen Anzug auf dem harten Sessel umherrutschend, wobei er überlegte, ob er dem Direktor den wahren Grund für den Besuch nennen sollte, entschied sich jedoch ad hoc dagegen. "Wir haben zwar nie bei derselben Zeitung gearbeitet, doch man kannte sich. Denn ich erfuhr schon früh von seinem reißerischen Schreibstil und die humorige Aufbereitung von zumeist schlimmen Tatsachen."
   "Ach", sagte der Direktor, ein stiernackiger Pykniker in einem schlecht sitzenden Sakko, das er wahrscheinlich aus einem Versandhaus geschickt bekommen hatte, "dann wollen Sie also noch von ihm lernen, Herr Jericho?"
   "NEIN!", beeilte er sich festzustellen, um mit seinen über 40 Lenzen nicht wie ein Anfänger zu wirken. "Es ist vielmehr so eine Art Abklopfen, inwieweit ihn die Haft schon verändert hat." Das, was er da sagte, war allerdings reine Improvisation. Denn hätte er erklärt, er habe eine Absicht, übersinnlichen Vorgängen auf die Spur zu kommen und wolle vom Häftling einen Rat diesbezüglich für einen Aufmacher erhalten, dann wäre der Direktor eventuell seinem Antrag auf Besuch ablehnend begegnet.
   "Verstehe", nickte der Direktor und unterschrieb die Besuchserteilung. "Bei uns bewährt sich allerdings nur ein starker Charakter, ein schwacher geht unweigerlich zugrunde."
  "Und Plensberg ist ein starker Charakter, Herr Direktor?"
  "Leider. Der Insasse übt negativen Einfluss auf seine Zellengenossen aus. Einige haben sich schon wegen Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken verlegen lassen. Momentan sitzt er mit zwei Frauenmördern ein, die etwas resilienter sind."
 Eine halbe Stunde später saß Jonas dem feist gewordenen Gefangenen in Fleisch und Blut gegenüber. Die Gefängnisküche musste entweder vorzüglich sein oder die einstündige Freigangsmöglichkeit unzulänglich für gymnastische Übungen zur Verdauung. Dann sagte der inhaftierte Mörder allerdings etwas, dass auf Möglichkeit eins schließen ließ.
   "Ich habe Sie nur empfangen, weil mir für heute eine zweite Portion Nachtisch versprochen wurde. Und gerade heute gibt es Dukatenbuchtel mit Vanillesoße. Eine wahre Delikatesse!", schwärmte er, wobei er ganz verzückt dreinsah. Beinahe so, als hätte er eine himmlische Erscheinung.
In dem 15-Quadratmeter-Zimmer, das extra für besondere Besucher zur Verfügung stand, herrschte noch hochsommerliche Temperatur. Zwischen dem Gefangenen vor sich und einem Justizbeamten hinter sich, fühlte sich Jonas wie ein Sandwich im Toaster. Ein kleines Rinnsal Schweiß lief ihm über den Rücken.
Das war eine Vorschau auf ein geplantes weiteres Abenteuer von Jonas Jericho ...

Montag, 9. März 2026

Der 5. Geburtstag

 meines Cozy-Crimes AGATHAS GEIST IN ÄGYPTEN steht an, liebe Freunde. Fünf Jahre  –  das sind 1825 Tage, 43.800 Stunden und 2.628.000 Minuten. Ganz schön viel, oder? Hier eine kleine Leseprobe:

 "Konnten Sie in seinem Zimmer einen Hinweis auf ein Motiv finden?"
"Nein, äh, das heißt, ich habe bei einem Anruf einer Nummer, die er in den Papierkorb geworfen hatte, herausgefunden, dass er jemanden Geld schuldet. Allerdings nur eine kleine Summe."
"Das Geld ist immer ein Motiv, von der Summe nicht abhängig, es gab schon Morde wegen einer verweigerten Zigarette."
"Stimmt. Ich werde mich morgen dahinter klemmen und versuchen herauszufinden, ob schon sicher ist, dass Belosi das Opfer ist und der Polizei meine Hilfe anbieten."
"Das würde ich an Ihrer Stelle lieber unterlassen. Sehen Sie, die ägyptische Polizei lässt sich nicht gern von ausländischen Journalisten unterstützen, die englische übrigens auch nicht."
"Ja, ich erinnere mich noch an Inspektor Tamzin. Nach dem Frühstück werde ich an Belosis Zimmer pochen, wenn er nicht HEREIN ruft, dann besuche ich wieder den Hoteldirektor."
"Das ist ein guter Plan."
Aus reiner Neugierde fragte er vorsichtig: "Waren Sie heute auch bei dem Fest und haben Ihre lustigen Landsleute beim Tanzvergnügen beobachtet?"
"Oh ja!"
"Und tat es Ihnen leid, nicht in Fleisch und Blut daran teilnehmen zu können?"
"Oh nein! Zu enge Kleider und zu enge Schuhe, zu flache Unterhaltungen und zu laute Musik möchte ich mir nicht mehr antun müssen."
"Wünschen Sie sich nicht wieder, ein Mensch zu sein, Mrs. Christie?"
"Oh Gott, nein! Dazu hat eine Existenz als Geist einfach zu viele Vorteile."
"Zum Beispiel?"
"Kein Klogang, keine Zahnschmerzen mehr, keinen Hitze-Schweiß, keine Transportprobleme, keinen Hunger, keine unerwünschten Annäherungsversuche, keine Streitigkeiten-"
"Sie können aufhören", unterbrach er sie, "ich werde sonst neidisch. Mit verzerrtem Gesicht griff er sich unter seine Pyjamajacke. "Puh, mein Bauch ist immer noch rebellisch."

Mittwoch, 4. März 2026

Der. 4. Versuch - Leseprobe

 

Auf dem Weg nach draußen kam er am Computer vorbei, auf dessen Bildschirm in rascher Abfolge geometrische Figuren in allen Farben oszillierten, sich in springlebendige, dreidimensionale Aquariumsfische verwandelten, die aus dem Bild sprangen und sich in Nichts auflösten. Daneben lag ein iPhone-Armreif, den Ivy wohl abgelegt hatte, um nahtlos braun zu werden. Mit einem Blick zum Balkon vergewisserte er sich, dass sie ihm nicht folgte. Aus der linken Hosentasche holte er seinen USC-Stick heraus und steckte ihn an den Computer an. Es handelte sich um einen jener smarten Sticks, die eine Ultra-Fast-Copy-Funktion besaßen, und nur für Personen mit einer Sondergenehmigung erhältlich waren. Es dauerte nur fünf Sekunden und der Doktor konnte den Stick wieder herausziehen. In diesem Augenblick läutete der iPhone-Armreif und er erschrak. Zum Ausgang war es zu weit, so eilte er in den Raum gleich neben dem Schreibtisch, dessen Tür nur angelehnt war. Gerade rechtzeitig konnte er dahinter verschwinden und sah sich im ehelichen Schlafzimmer stehen. Das Doppelbett zeigte sich ungemacht, die Laken zerwühlt und mit einigen Flecken verunreinigt. Draußen hörte er seine Gastgeberin das Gespräch annehmen.
  "Hallo, Maurice! Nein, ich bin ganz allein. Frank ist beim Training. Mhm! Hahaha. Du bist mir einer. Sicher können wir uns treffen."
Dem Doktor wurde mulmig zumute, denn wenn sie ausgehen würde, musste sie sich vorher ankleiden und dazu bestimmt das Schlafzimmer aufsuchen. Mit dem Anflug von Verzweiflung suchte er nach einem Versteck, doch unter dem Bett fand er zu wenig Raum für seinen dicklichen Körper und die Schränke schienen ihm zu schmal, um sich hineinzuzwängen. Vorhänge gab es an den Fenstern keine, hinter denen er sich verbergen konnte. Draußen hörte er Ivy schrill auflachen. 
  "Hihihaa! Maurice, du bist ein ganz Schlimmer! Ja, im Odeon bekommst du sicher einen Fensterplatz für uns. Wann soll ich dort sein? Das schaff ich leicht! Bin gleich bei dir, falls mir nichts dazwischen kommt!"
  Dem Tête-à-Tête schien sie schon entgegenzufiebern, Doktor Cullen begann zu schwitzen, er musste handeln, um der Peinlichkeit der Entdeckung zu entgehen. Daher holte er aus seiner rechten Hosentasche seinen Betäubungsspray heraus. Eine Prise davon in das ebenmäßige Gesicht der blonden Frau und sie würde bewusstlos zu Boden sinken und sich nachher nicht mehr erinnern können, was die paar Minuten davor passiert war. Schon hörte er sie mit gedämpften Schritten zur Tür tapsen, die sich leicht öffnete. Noch bevor sie eintrat, streckte er den Arm aus, betätigte den Sprayknopf und das Betäubungsmittel konnte mittels einer kleinen Sprühwolke seine Wirkung entfalten. Lautlos sank sie nieder, ihr schlanker Körper verursachte beim Auftreffen auf dem beigen Teppichboden kaum ein Geräusch. Hastig steckte er die kleine Spraydose wieder ein, beäugte sich Ivy Askin, verdrängte die Versuchung, sich an ihr zu vergehen und hob sie vorsichtig hoch. 
Merkwürdig, sinnierte er: Wie alle Frauen besteht sie nur aus Muskelmasse, Fettgewebe mit Haut überzogen und verströmt dennoch die Aura einer schlafenden Göttin.
Mit sicheren Schritten trug er seine höchstens 50 Kilogramm schwere Last zurück auf den Balkon und setzte sie ganz vorsichtig wieder hin. Vom Hochhaus gegenüber, das über keine Balkone verfügte, konnte ihn niemand gesehen haben. Die Fenster hatten sich alle verdunkelt, um die Bewohner vor zuviel Hitze zu bewahren. 
  Beim Drapieren ihrer Beine konnte er sich nicht zurückhalten und strich langsam an der Innenseite ihrer Schenkel entlang. Ihre Haut fühlte sich wie Seide an. Nun konnte er Frank verstehen - von so einer Frau lässt sich kaum ein Mann scheiden. Widerwillig riss er sich von ihrem verführerischen Anblick los und eilte zum Ausgang. Doch beim Computer blieb er nochmals stehen, holte aus der Innentasche seines Sakkos einen kleinen Störsender in Form eines harmlos aussehenden Schlüsselanhängers heraus, mit dem er den Armreif außer Betrieb setzte. Ebenfalls ein sehr nützliches Gadget, das nur gewissen Auserwählten zur Verfügung stand. Danach tupfte er sich mit einem Tissue aus einem goldfarbenen Spender hinter dem Computer die Stirnglatze ab und schritt entschlossen aus dem Apartment.

Auf Lovelybook bekam ich dafür eine 5*-Kritik auf Zauberspiegel einen Verriss - der Kritiker starb allerdings kurz darauf, was mir zeigte, dass es ihm beim Lesen schon nicht mehr so gut gehen konnte... Aus diesem Stoff schöpfte ich noch ein HÖRBUCH

Montag, 2. März 2026

IRRE

 David gratulierte sich, denn ein Praktikum in einer Einrichtung für psychisch Kranke, also einer psychiatrischen Notaufnahme, konnten Medizinstudenten nur schwer bekommen. Solche Einrichtungen nannte man früher salopp Irrenhaus - oder auch im Slang 'Fleeky-Farm' - und offiziell gab es sie nicht einmal mehr, denn das Ziel, menschenunwürdige psychiatrische Kliniken zu schließen, wurde erreicht. Das bedeutete jedoch, dass die Kranken nun oftmals im Knast landeten oder einfach auf der Straße, so lange, bis sie sich durch eine Straftat das Eingreifen der Behörden und dann erst den Platz im Knast verdient hatten.
Erschwerend kam hinzu, dass die wenigsten Kranken einsahen oder einsehen konnten, ein psychisches Problem zu haben. Nur jene, die das Glück einer Familie genossen, die mittels einer Verfügung für eine Zwangseinweisung auch gegen den Willen der Kranken einen Platz für diese in der psychiatrischen Notaufnahme erwirkten, bekamen dann auch eine passende Behandlung. In vielen Staaten der USA, wie z.B. in Virginia, galten diese Verfügungen zum Schutz der Kranken allerdings nur für wenige Stunden - in Virginia nur sechs Stunden. Gelang es nicht, in der Notaufnahme in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit ein freies Bett zu finden, musste der Kranke wieder freigelassen werden. Und der Teufelskreis Straße - Knast begann wieder von vorne.
Virginia, ein Teilstaat der USA, der schon während des Sezessionskrieges seine nordwestlichen Bezirke an West Virginia abgeben musste, besaß den Beinamen 'Old Dominion' - altes Herrschaftsgebiet. Just diese Gegend namens West Virginia - im Volksmund 'Mountain State' - wurde einst schon von den amerikanischen Ureinwohnern als Gegend, in der es zu sonderbaren Vorkommnissen kam, oft gemieden. 
David stammte von dort - genauer gesagt aus der Hauptstadt Charleston - und hatte weder Kosten noch Mühen gescheut nach Virginia, dessen waldreiche Gegenden im gerade herrschenden Indian Summer ihr leuchtendes Herbstlaub präsentierten, zu übersiedeln. Genau hier hatte er sich die Stadt Alexandria ausgesucht, um sein Praktikum absolvieren zu können. Die Stadt mir ihren knapp 150.000 Einwohnern lag zehn Kilometer von Washington D.C. entfernt und erstreckte sich an der Westseite des Potomac Rivers. Für David schien es auch wichtig, dass sie eine Partnerstadt in Schweden hatte: Helsingborg. Denn er hatte schwedische Wurzeln, denen er einmal, sobald er selbst genug verdiente, auch auf den Grund gehen wollte. Außer seinen blonden Haaren hatte er allerdings nichts mit Schweden gemein, fühlte sich durch und durch als 'All American Boy'.
Schon sein erster Tag in der Anstalt hatte es in sich. Begrüßt von einem dunkelhäutigen Hünen, der aussah wie die Mischung eines Basketballers und eines Wrestlers, wurde ihm schon beim Gang durch das weit verzweigte Gebäude mit seiner etwas einschüchternden Architektur mulmig.
  "Ich kann mir schon vorstellen, was du hier bei uns suchst", sagte Logan mit einer sehr tiefen Stimme, der David in einem weißen Mantel, unter dem er eine weiße Hose trug, herumführte.
  "Sicher, ich suche Arbeit!", erklärte ihm David, welcher sich ebenso eingekleidet zeigte.
  "Nein, du suchst hier das Abenteuer", befand Logan und grinste, wobei er herrlich weiße Zähne zur Schau stellte. Es sah fast so aus, als hätte er 64 davon, und zwar alle im Oberkiefer.
  "Abenteuer?", wiederholte David verständnislos.
  "Sicher, du bist so ein Surfer-Typ, ein Sunnyboy, der es satt hat, dass sich alle Frauen an ihn ranschmeißen und nun etwas ganz anderes sucht." Logan öffnete mit seinem Schlüssel einige Türen und vermittelte dabei ungewollt den Eindruck eines Gefängniswärters. Dabei ähnelte er dem Schauspieler Michael Clarke Duncan in seiner Rolle des wundertätigen Gefangenen in dem Film 'The Green Mile'.
  "So viele Frauen hatte ich noch gar nicht, wie du mir vielleicht zutraust. Mir geht es einfach darum, mein Praktikum hier abzuschließen, damit ich später einmal Psychiater werden kann." Das hatte er wirklich auf dem Plan, denn er dachte sich, dass das ein einträglicher und vor allem sehr interessanter Beruf sei. Einen Plan B gab es für ihn nicht.
  "Wenn du meinen Rat willst: Such dir einen andern Beruf, denn der frisst dich auf!" Da sprach wohl viel Erfahrung aus Logan.
  "Danke, aber mein Entschluss seht fest. Wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, dann setze ich alles daran, es auch durchzuziehen, ganz egal welche Schwierigkeiten auch auftauchen!"
Nun sah ihn Logan mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis an. "Das habe ich hier schon öfters gehört. Und zwar von den Patienten. Aber du wirst sie ja selbst bald alle kennenlernen."
Inzwischen waren sie vor dem Büro des Direktors angekommen, eines älteren Mannes in einem schlecht sitzenden Anzug, der so überhaupt nicht den Eindruck eines Anstaltsleiters erweckte, eher den eines Besuchers, der nur kurz einen labilen Verwandten hier abliefert. Als Logan mit David eintrat, hob er den Kopf von seinen mit Papieren und Formularen übersäten Schreibtisch und lächelte milde.
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Vorschläge

Einst besuchte ich einen Schreibkurs an der VHS und erhielt dort wertvolle Vorschläge fürs Romanschreiben: Tropes geben Leser*innen ein emo...