Samstag, 21. März 2026

Der gruselige Informant

  
 "Sex and Crime, Jericho, sowas interessiert die Leute!"
 "Ganz was Neues. Soll ich jetzt eine nymphomane Mörderin auftreiben?"
Durch ein offenes Fenster wirbelten die Herolde des Herbstes - bunt gefärbte Blätter - herein und erweckten den Wunsch einer Reise nach Vermont.
 "Wir brauchen eine Hammer-Story, die unsere Auflage steigert, Jericho", raunte ihm der Chefredakteur über die Schulter zu, während er das Fenster schloss. "Die alte Sensationsstory vom Mann, der einen Hund beißt, können Sie vergessen, Jericho! Jetzt muss mindestens ein Außerirdischer her, der Sie in den Arsch beißt!"
 "Also wirklich, das können Sie weder von mir noch von meinem Sitzfleisch verlangen!"
Riasek ließ sich wie ein nasser Sack auf seinen Drehstuhl plumpsen und lockerte seine getupfte Krawatte. Beiläufig streifte sein Blick den Playboy Wandkalender vom Vorjahr - Miss Dezember gefiel ihm so sehr, dass er noch keinen Tausch vorgenommen hatte. "Eine weitere heiße Sache - außer Sex und Mord - ist Esoterik."
 "Jaja, Placebo fürs Volk." Jonas stand wie ein armer Sünder vor ihm, der vergeblich auf Erbarmen hoffte.
 "Diese esoterischen Umtriebe, von denen unsere Konkurrenz berichtet hat, sollen angeblich der Realität entsprechen. Reicht zurück bis zu dem Mord, den dieser Plensberg am Kerbholz hat. Fahren Sie mal zur JVA und interviewen Sie den Häfenbruder!" 
"Och, haben Sie nix anderes für mich, Chef, als ein Tete-a-Tete mit einem Zuchthauszebra?"
 "Um das Leben zu managen, müssen wir uns alle disziplinieren und mitunter etwas gegen unsern Willen tun, Jericho!" Aus der mittleren Schublade seines vollgeräumten Schreibtisches holte Riasek einen zerknüllten Käsezettel heraus, auf dem in seiner Apothekerschrift Name, Adresse und sogar die Gefangenennummer gekritzelt standen. "Ich erwarte Ihren spannenden Artikel spätestens zu Redaktionsschluss."
Der Tipp an Jonas, den einsitzenden Ex-Journalisten, der laut seiner Verteidigung einen Mord auf Befehl der Geisterwelt begangen hatte, im Gefängnis zu besuchen, zeigte sich in der Umsetzung etwas schwierig. Zuerst musste er die Hürde des Amtsweges inkauf nehmen, welcher über den Direktor des ehrwürdigen Hauses Stein an der Donau - einer einzigen Architekturscheußlichkeit -  führte. Dieser oberlehrerhaft agierende Mann unterzog ihn in seiner stickigen Amtsstube einer eingehenden Befragung, was er seinen ehemaligen Kollegen eigentlich fragen wollte.
  "Tja", begann Jonas in seinem hellblauen Anzug auf dem harten Sessel umherrutschend, wobei er überlegte, ob er dem Direktor den wahren Grund für den Besuch nennen sollte, entschied sich jedoch ad hoc dagegen. "Wir haben zwar nie bei derselben Zeitung gearbeitet, doch man kannte sich. Denn ich erfuhr schon früh von seinem reißerischen Schreibstil und die humorige Aufbereitung von zumeist schlimmen Tatsachen."
   "Ach", sagte der Direktor, ein stiernackiger Pykniker in einem schlecht sitzenden Sakko, das er wahrscheinlich aus einem Versandhaus geschickt bekommen hatte, "dann wollen Sie also noch von ihm lernen, Herr Jericho?"
   "NEIN!", beeilte er sich festzustellen, um mit seinen über 40 Lenzen nicht wie ein Anfänger zu wirken. "Es ist vielmehr so eine Art Abklopfen, inwieweit ihn die Haft schon verändert hat." Das, was er da sagte, war allerdings reine Improvisation. Denn hätte er erklärt, er habe eine Absicht, übersinnlichen Vorgängen auf die Spur zu kommen und wolle vom Häftling einen Rat diesbezüglich für einen Aufmacher erhalten, dann wäre der Direktor eventuell seinem Antrag auf Besuch ablehnend begegnet.
   "Verstehe", nickte der Direktor und unterschrieb die Besuchserteilung. "Bei uns bewährt sich allerdings nur ein starker Charakter, ein schwacher geht unweigerlich zugrunde."
  "Und Plensberg ist ein starker Charakter, Herr Direktor?"
  "Leider. Der Insasse übt negativen Einfluss auf seine Zellengenossen aus. Einige haben sich schon wegen Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken verlegen lassen. Momentan sitzt er mit zwei Frauenmördern ein, die etwas resilienter sind."
 Eine halbe Stunde später saß Jonas dem feist gewordenen Gefangenen in Fleisch und Blut gegenüber. Die Gefängnisküche musste entweder vorzüglich sein oder die einstündige Freigangsmöglichkeit unzulänglich für gymnastische Übungen zur Verdauung. Dann sagte der inhaftierte Mörder allerdings etwas, dass auf Möglichkeit eins schließen ließ.
   "Ich habe Sie nur empfangen, weil mir für heute eine zweite Portion Nachtisch versprochen wurde. Und gerade heute gibt es Dukatenbuchtel mit Vanillesoße. Eine wahre Delikatesse!", schwärmte er, wobei er ganz verzückt dreinsah. Beinahe so, als hätte er eine himmlische Erscheinung.
In dem 15-Quadratmeter-Zimmer, das extra für besondere Besucher zur Verfügung stand, herrschte noch hochsommerliche Temperatur. Zwischen dem Gefangenen vor sich und einem Justizbeamten hinter sich, fühlte sich Jonas wie ein Sandwich im Toaster. Ein kleines Rinnsal Schweiß lief ihm über den Rücken.
Das war eine Vorschau auf ein geplantes weiteres Abenteuer von Jonas Jericho ...

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